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16.09.2015

Harvard-Professor Tobias Ritter wird neuer Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung

Harvard-Professor Tobias Ritter wird neuer Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung

Eigentlich hatte er seine Rede auf der Willkommensparty im Max-Planck-Institut für Kohlenforschung anders geplant: Tobias Ritter wollte auf der oberen Etage am Geländer stehen, während seine Gäste unten die neuen Labore ansehen. Aber es kam anders und fast alle Besucher drängten sich in dem langen Gang der oberen Etage. Kurzentschlossen packte sich Ritter deshalb einen Stapel Kopierpapier und stellte sich darauf, damit ihn möglichst viele Neugierige sehen konnten. Und davon gab es eine Menge: Sowohl aus dem eigenen als auch dem Nachbarinstitut MPI für Chemische Energiekonversion kamen viele, die den berühmten Professor aus Harvard endlich kennenlernen wollten.

Seine kurze Ansprache nutzte Ritter, um sich bei allen Menschen zu bedanken, die beim Umzug seiner Gruppe von Boston nach Mülheim geholfen hatten: „Mein Dank gilt zunächst den anderen Direktoren des Instituts und auch den Mitarbeitern der Verwaltung und den Technikern. Alle hatten immer ein offenes Ohr und lösten Probleme schon, bevor sie dazu werden konnten.“

Ins Schwärmen gerät Ritter augenscheinlich, wenn er anfängt von den neuen Laboren in Mülheim zu sprechen. „Die Einrichtungen haben alle meine Erwartungen übertroffen. Unsere integrierte Lösemittel-Glovebox Suite ist Technik auf dem neuesten Stand und absolute Weltklasse“, erklärt Ritter stolz. Eine Glovebox – also ein Handschuhkasten –  ist ein luftdicht abgeschlossener Behälter, in dem man mit gefährlichen oder empfindlichen Stoffen in einer abgeschlossenen Atmosphäre arbeiten kann.

Karriereweg im Ausland

Ritter ist in Deutschland geboren, hat aber auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und fühlt sich nach all den Jahren im Ausland mehr als Amerikaner. Im Jahr 2006 hat er begonnen, an der Harvard Universität in Cambridge, Boston, zu arbeiten. Als Post-Doc war er davor am California Institute of Technology in Pasadena und seine Doktorarbeit hat er an der ETH in Zürich geschrieben – um nur die wichtigsten Stationen seiner Karriere zu nennen. Seit seinem Studium an der Technischen Universität Braunschweig hat Ritter also nicht mehr in Deutschland gelebt und muss sich jetzt nach eigener Aussage wieder an das alltägliche Leben hier gewöhnen. Der kleine Kulturschock macht sich zum Beispiel bemerkbar, wenn er mit seiner Frau und seinen drei Kindern an der Kasse im Supermarkt steht und plötzlich merkt, dass man hierzulande ohne mitgebrachte Tüten schnell keine Hände mehr frei hat.

Harvard zu verlassen und mit seiner Familie nach Deutschland zu ziehen war für Ritter ein großer Schritt und ist ihm zunächst nicht leichtgefallen. „Es gibt nicht viel, was einen aus Harvard weglocken kann. Aber die Max-Planck-Gesellschaft mit ihren Mitteln und Möglichkeiten ist eben einmalig.“ Jetzt ist er froh,  nach einer langen Vorbereitungszeit endlich als Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung starten zu können. „Ein großes Lob geht an die Mitarbeiter der Ritter Gruppe, die schon in Mülheim waren, bevor es hier überhaupt einen ‚Ritter‘ gab. Sie haben alles bis ins kleinste Detail vorbereitet.“ Überhaupt freut er sich sehr, dass viele seiner Mitarbeiter den Umzug von Boston ins Ruhrgebiet mitmachen: „Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.“ In seinem Team sind bis jetzt nur zwei deutsche Wissenschaftler, ansonsten ist es sehr international.

Forschung aus Harvard geht in Mülheim weiter

Die Gruppe wird auch in Mülheim an den Themen weiterarbeiten, die in Harvard wichtig waren. Bisher hat zum Beispiel die Fluorchemie eine große Rolle gespielt und das soll auch so bleiben. „Es ist ein Gebiet, das blüht, wo aber viele Probleme noch ungelöst sind.“ Als besonders aussichtsreich sieht Ritter seine Forschung zum bildgebenden Verfahren der Positronen-Emissions-Tomographie PET. Das Verfahren ist wie geschaffen dafür, Probleme in der Gehirnforschung anzugehen. „Ins Gehirn kann man eben nicht einfach reinschneiden und hineinschauen. Aber die Methode der PET ist nicht invasiv und eignet sich deshalb hervorragend.“

Ritter sieht sich zwar als Grundlagenforscher, hat aber eine spätere Anwendung immer im Blick. Die wichtigste Schnittstelle seiner Arbeit besteht für ihn zur Medizin. Vor vier Jahren gründete er die Firma SciFluor Life Sciences, die an neuen chemischen Wirkstoffen für Medikamente mit verbesserten pharmakologischen Profilen forscht. Ritters Traum ist es durch seine Arbeit neue Methoden zu entwickeln, die eine breite Anwendung zum Beispiel in Krankenhäusern ermöglichen. Das Gebiet an dem er forscht ist zwar nicht neu, lag seiner Aussage nach in den letzten Jahren aber in einer Art Dornröschenschlaf. „Jetzt ist eine spannende Zeit, weil gerade viele grundlegend neue Reaktionen erforscht werden. Die molekulare Revolution in Biologie und Medizin macht es möglich, sich viele neue Dinge vorzustellen. Aber die Chemie dazu fehlt eben noch. Und das wollen wir ändern.“