Von der Forschung in die Praxis: Institutsseminar gibt Einblicke ins Start-up Business
Zweimal im Jahr treffen sich die Forschenden des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung zum abteilungsübergreifenden Netzwerken und Informationsaustausch beim Institutsseminar. In Vorträgen und einer Postersession erfahren sie, woran ihre Kollegen gerade arbeiten und können eigene Projekte vorstellen. Nun hatte der geschäftsführende Direktor Frank Neese zu einer Sonderedition des Institutsseminars geladen, einer Start-up Edition.
Den Start machte Dr. Abdu Bilican, ehemaliger PhD-Student aus der Gruppe von Wolfgang Schmidt und Gründer von Minerva Carbon. Bilican erzählte, wie er die zentralen Erkenntnisse aus seiner Doktorarbeit, in der er einen deutlich verkürzten Reaktionsprozess zur Herstellung von mesoporösen Kohlenstoffen entwickelte, für die Gründung nutzte. „Mit unserem neu entwickelten Prozess sind wir in der Lage, große Mengen an mesoporösen Kohlenstoffen herzustellen ohne dabei Kompromisse bei den Materialeigenschaften einzugehen.“ Er habe einen Beitrag für den Klimaschutz leisten wollen und sich daher für die Gründung entschieden: „Die Zeit rennt und wir können uns kein Warten mehr erlauben. Wir müssen Innovationen aus den Laboren in kommerzielle Technologien überführen – und Startups können das am besten.“, so Bilican. Der Forscher berichtete von der Bewerbung für das EXIST-Programm und ließ die Zuhörenden an seinen Erfahrungen im noch jungen Gründungsprozess teilhaben. Das Startup sicherte sich dieses Jahr eine Förderung in Höhe von 1.8 Mio € durch das EXIST Froschungstransfer-Programm des BMWE und hat jetzt zwei Jahre Zeit, seine Technologie zu kommerzialisieren.
Ein bereits fortgeschritteneres Start-Up ist MechSyn von Gründerin Dr. Özgül Agbaba. Seit 2023 konzentriert sich MechSyn auf die Mechanochemie, ein Verfahren, das die nachhaltige Herstellung von Hochleistungswerkstoffen ermöglicht. „Die Mechanochemie ist eine Schlüsseltechnologie, die derzeit in vielen Ländern weltweit erforscht wird. Das Verfahren ist nachhaltig – es werden keine Lösungsmittel benötigt, die Emissionen sind gering, die Reaktionen laufen bei Raumtemperatur ab und der Gesamtenergieverbrauch wird deutlich reduziert.“, so Agbaba. Eine Herausforderung bleibe jedoch die Skalierung. Die Gründerin beschrieb die Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Maschinen und Produktionsräumen: „Wir entwickeln unsere eigenen Maschinen und eine mobile mechanochemische Einheit, die es uns ermöglicht, in der Anfangsphase unabhängig von festen Produktionsstätten zu arbeiten.“ Für die Agbaba war der Austausch für die Entwicklung ihrer Start-up-Idee von entscheidender Bedeutung: „Ich konnte viele Ideen mit anderen diskutieren, sowohl hier am Institut als auch im Rahmen verschiedener Start-up-Programme, was sehr wertvoll war.“ Bald wird die Gründerin MechSyn mir ihrem Team in die nächste Phase der Spin-off-Entwicklung führen und hofft, weitere Investoren zu gewinnen, um die Idee in die industrielle Praxis umzusetzen.
Am Markt bereits etabliert ist Firma FaCCts aus Köln, die von Dr. Christoph Riplinger vorgestellt wurde. Ihre Aufgabe ist es, das in der Abteilung von Frank Neese entwickelte Quantenchemie-Softwarepaket ORCA an Industriekunden zu vermarkten und auch mit Blick auf industrielle Anwendungen weiterzuentwickeln. Riplinger war der erste Doktorand von Professor Frank Neese und ist heute CEO und Mitgründer von FaCCts. Er konnte aus neun Jahren am Markt berichten, in denen FaCCts die Software inzwischen mit mehr als 20 Mitarbeitenden vertreibt, Support bietet und in vielerlei Richtungen neue Innovationen schafft. „Wir hatten das Glück, dass wir vor 20 Jahren nur unsere Vision und einen Computer brauchten. Daher konnten wir FaCCts ohne jedes externe Startkapital starten“, so Riplinger. „Um ein guter Gründer zu sein, muss man von Neugier angetrieben sein und den unbedingten Willen haben, etwas aufzubauen. Und es braucht Durchhaltevermögen.“ In der Paneldiskussion unterstrich er, wie wichtig Industrieerfahrung sei, um in Verkaufsgesprächen besser einschätzen zu können, was Entscheidungen in Unternehmen treibt. Heute betreut FaCCts etwa 60 Unternehmenskunden, und rund 100.000 Forschende im akademischen und kommerziellen Bereich nutzen ORCA.
In seinem Eingangsvortrag ging Professor Frank Neese auf den Gründungsprozess ein und gab Tipps, wie Forschende mit interessanten Ideen an der Kohlenforschung vorgehen sollten. „Sprecht mit eurem Betreuer, diskutiert eure Ideen und nutzt die Beratungsangebote von unserer Studiengesellschaft Kohle und von Max-Planck-Innovation.“ Auch wenn die Max-Planck-Gesellschaft kein Kapital zur Unterstützung bereitstelle, könnten Forschende sehr viel Know-how und Training erhalten. „Aus dem Max-Planck-Kosmos sind schon einige vielversprechende Start-ups hervorgegangen, und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass das Gründertum ein sehr spannendes Thema und eine tolle Option für einen Berufsweg neben der Academia ist“, so Neese.


